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19 April 2007

schlimmer traum

guten morgen!

oh mensch, ich träume jetzt immer ziemlich intensiv. heute morgen bin ich aufgewacht und war total erstaunt, dass monsieur neben mir im bett lag. ich hatte (ernsthaft) geträumt, er hätte selbstmord begangen.

in meinem traum hatte er sich totgeärgert über unseren staat, der mit überwachungsmaßnahmen und sozialer ungerechtigkeit für ihn die fratze des menschenhassers trug (im traum war das jedenfalls so gewesen) und der seine bürger täglich und stündlich für den lieben profit und die macht an sich verrät.

ich selbst war im traum au-pair-mädchen in england - die situation war gefühlt aber sehr mit meinem aufenthalt in stuttgart als praktikantin vergleichbar.

meine gastfamilie in dem traum betrieb irgendwie einen laden für wärmetechnik und kaminbau. wir hatten superranzige ausstellungsstücke auf einer art dauermesse stehen, halt so hässlich aussehende bauteile und isolierungen. die messe war zugleich eine ladenstraße - winzige büros gehörten du den ausstellerflächen dazu. so ist das halt in einem fremden land - alles ist ein wenig anders als sonst!

;-)

ich hatte mich in meinem traum im namen meines gastvaters beruflich geärgert, worum es ging, weiß ich konkret nicht mehr oder mein traum hat es mir nicht erklärt. jedenfalls hatte ich vor der todesnachricht einen konkurrenten aufgesucht, der genau wie wir mit seinem gerümpel eine dauerausstellung staffiert hatte. allerdings hatte er einen eigenen laden in meinem traum. er war nicht einsichtig gewesen und ich war verärgert und erfolglos wieder abgezogen. schließlich bin ich mit dieser knatschigen angestrengtheit nach hause zu meiner gastfamilie, und die lebte halt auch in einer hässlichen umgebung. alle möbel in der küche waren alt und speckig, und irgendwie waren meine gasteltern auch nicht übermäßig nett.

dann kam die todesnachricht und ich hab gar nicht drüber nachgedacht, sondern musste raus. ich bin nur umhergelaufen im traum, bis ich merkte, ich muss viel weiter weg von dem mief und pief. ich wollte in die nächste stadt fahren - vielleicht fühlte ich mich dann freier, vielleicht nahm DANN der unendliche druck ab, den ich hatte. der bus nach auswärts hatte keine bushaltestellen - ich suchte vergeblich in der nähe des bahnhofes danach. dann sah ich eine große schaufensterscheibe bzw. ein seltsam verglastes gedrungenes gebäude in einer häuserzeile, und während ich noch zu überlegen beschäftigt war, was das ist und wieso es mit meinem wunsch, mit dem bus wegzufahren, zu tun haben könnte, hörte ich hinter mir den bus heranfahren.

aus dem gebäude mit der verglasten häuserfront kamen einige menschen herausgeströmt und sie stiegen in den bus ein. ich war verwirrt, weil mir einfiel, dass ich in diesem land das ticket ja in solchen bushalte-gebäuden kaufen musste, bevor ich einstieg. ich entschied mich für die tränennummer und bin nach vorn zum busfahrer und hab von der straße aus gefragt, ob ich mitfahren dürfte, ich hätte noch kein ticket.

es war eine busfahrerin. sie nickte, was für die englischen verhältnisse und den üblichen formalitäten beim busfahren sehr nett war, und die anstrengung, nicht mit dem strom geschwommen zu sein und gefragt zu haben nach einer sonderbehandlung (wie ich meinte im traum) und die fummelei anschließend IM bus, um das ticket während der fahrt zu bezahlen, nahmen mir schließlich die kraft und meine dumpfheit bekam ein "loch" - ich weinte. ich erzählte der busfahrerin, dass mein "friend" - ach neem, mein "boyfriend" - gestorben sei und ich das gerade erfahren hätte.

dann bin ich aufgewacht und im aufwachen hab ich noch darüber nachgedacht, ob ich jetzt auch innerlich sterben würde (nach der nachricht in meinem traum) oder ob ich es schaffen würde, mit diesem wissen und dem verlust leben zu können. ich dachte, dass ich es schaffen würde und stellte (im traum noch) fest, dass ich meine unabhängigkeit behalten hatten in der beziehung. dies kam mir jetzt bei diesem verlust, "zugute" - doch das "zugute-kommen" hatte einen so elementar bittern geschmack, dass ich mich fragte, weshalb ich bloß immer die unfähigkeit besessen hatte, mich symbiotisch an ihn zu binden. irgendwie bedauerte ich, dass ich nicht noch mehr (!) von diesem menschen mitbekommen hatte und die zeit mit ihm nicht noch intensiver genutzt hatte (im traum).

ich fand mich lächerlich in meiner stärke - innerlich zu sterben wäre zwar unermesslich schlimm für mich gewesen, doch es hätte den lohn gehabt, von monsieur noch mehr mitgenommen zu haben (glaubte ich im traum).

dann wachte ich ganz auf und wow: da lag monsieur im tiefschlaf neben mir. es war 6.35 uhr, also 5 minuten nach meiner aktuellen regelmäßigen aufwachzeit (denn meine vorlesungen beginnen immer um 8 uhr). ein typischer "aufwachtraum" also - ihr kennt das doch bestimmt auch, dass man dann, wenn man eigentlich aufwachen will, die intensivsten träume erlebt?

in dem traum hatte ich zu der busfahrerin gesagt, dass ich mit dem selbstmord nicht gerechnet hätte. gleichzeitig aber rationalisierte ich (im traum!) bald und dachte, dass es aber in "wahrheit" auch nicht außerhalb der möglichkeiten gelegen hatte, dass monsieur zu so einer endgültigen tat fähig war. wie oft hatte ich seine bedenken in den letzten jahren einfach unkommentiert stehen lassen? wie oft war ich ihm im sinne einer diskussion meine zustimmung schuldig geblieben? bedeutete so etwas nicht vielleicht AUCH, dass ich mir keine mühe gegeben habe, sein problem zu lösen?

wieso hilft bzw. (im traum) half mir dieser mann bei so vielen dingen und wieso hab ich ihm nicht geholfen und vielleicht auch nicht helfen können bei SEINEN problemen? im traum war ich von monsieur umsorgt und gebettet gewesen mit guten wünschen, mit anteilnahme und hilfreichen ideen und taten. ich hatte mich geradezu an meinen status als königin und diva gewöhnt - er fühlte sich wohl darin, es mir möglichst IMMER recht zu machen, und ich lief mit meinen ewigen kritischen fragen immer gegen watteweiche wände bei ihm. war ich nicht eine kleine meckerziege gewesen? die ihr gegenüber nicht wirklich wahrnimmt? und die nun auch noch "froh" sein kann, weil ihr das überleben dieses schicksalsschlags gelingen wird? war ich nicht total fremd in meinem eigenen leben???

der traum ist BESTIMMT wieder mit aussagen durchsetzt.

ich selbst erkenne in der episode mit dem fruchtlosen besuch beim konkurrenten meine bewerbung bei einer ähnlich großen firma wie ei wieder, die ich am 17.4. endlich auf den weg gebracht hatte und die noch am selben tag wieder zurückgekommen war mit dem hinweis, ich solle mich örtlich (also in berlin) bewerben oder die jobbörse des unternehmens checken.

wie häufig bei bewerbungen ein rückschlag - ich habe es weiterhin als PLUS gesehen, dass ich es überhaupt mal geschafft hatte, mich zu bewerben. jetzt - nach dem "hinfallen" - muss ich nur noch "aufstehen" und die bewerbung irgendwo hier in berlin absondern.

aber in dem traum waren meine gefühle, bei der fremden firma nichts bewirkt zu haben und "unrelevant" gewesen zu sein, viel deutlicher als im bewussten leben.

der bus: in dem bus war eine riesige fahrkarten-verkaufsecke. es ging viel leichter, im bus ein ticket zu erstehen, als ich mir zuvor gedacht hatte. in meinem kopf gab es nur die englischen gegebenheiten, zu denen viel unverständlicher formalismus gehörte. doch nun (im traum) stand ich IM bus (und er fuhr schon, d.h. die von mir gewünschte leistung wurde sofort und ohne murren für mich erbracht) und dort war eine wunderbare empfangstheke fast wie in einer rechtsanwaltskanzlei. ich war nicht nur am weinen wegen monsieur. ich war auch einfach gerührt, dass in all den widrigkeiten meines sich immerzu ins unbekannte entwickelnden lebens auch mal etwas auftaucht, was ich mir wünsche und was mir das ersehnte gefühl gibt, ganz normal zu sein und sogar willkommen zu sein.

tja

an der stelle "ganz-normal-sein-wollen" hätte mein pt vielleicht wieder geguckt, aber dieser kindliche wunsch, von allein "richtig" zu sein, war irgendwie nie von uns (also von dem therapeuten und mir) aufgegriffen und geklärt worden - obwohl ich daran häufiger gerührt hatte.

es ist mir zu wenig, bei EINEM menschen gut anzukommen. ich strebe dauernd nach neuem, immer nach noch widrigeren verhältnissen! ich träume davon, aus allem etwas schönes zu machen, und wenn mir das nicht (gleich) gelingt, dann sehe ich die zeit des scheiterns als wartezeit, sozusagen als preis an. ein ausruhen auf den gegebenheiten, ein BLEIBEN gab es für mich (zumindest in meinem traum) nicht.

mein pt sagte dazu (wie schon x-mal erwähnt), dass ich gutes nicht annehmen könne.

oh nein dieser traum!

hm

ich hab monsieur lange angeschaut und natürlich 1.000 schwüre geschworen, als ich ihn dann glücklich neben mir liegend erkannt habe.

naja

gruß

sine

17 April 2007

von Isabel am 17.4.: Mutter und Tod

Hallo an euch alle
von Verständnis möchte ich gern schreiben, wenn es darum geht, dass man

Freunde niemals vergessen kann
sich an den Tod niemals gewöhnen kann
und das Mutterthema niemals verdauen kann

Der Tod, so oft er auch begegnet, hat seinen Schrecken auch für mich noch nie verloren. Man kann angesichts von Traditionen in anderen Kulturen, die dieses Thema (scheinbar) im Griff haben, darüber spekulieren, ob es an den frühkindlichen Prägungen liegt, dass man Themen mit großen Emotionen nicht überwindet ohne Schrammen, die ein Leben lang einzuschränken scheinen -

aber was bitte liegt NICHT an frühkindlichen Prägungen?

Ob es einfacher wird, wenn man mehr versteht? Mehr Hintergründe und mehr Symbole?
Ob es einfacher wird, wenn man resigniert? Oder wenn man akzeptiert und sich anderen Dingen zuwendet?
Oder ob sich etwas ändert, wenn man eine Hierarchie erdenkt in den großen Emotionen, die schmerzen und belasten und so sehr den Atem nehmen können? Was ist am schlimmsten?

zu dieser Scheidungsgeschichte darf ich was sagen …

*analysier*

was wäre gewesen, @sine, wenn sich dein Papa hätte scheiden lassen - ungeachtet, der Unmöglichkeit, angenommen er hätte einen anderen Beruf gehabt - was hätte es für dich bedeutet? Wäre es eine Bestätigung gewesen, dass man mit Mama nicht leben kann? Wäre er noch mehr ein Verbündeter gewesen? Und hätte sie dann vielleicht endlich eingesehen, dass sie so nicht mit Menschen umgehen sollte - so wie sie es eben tut?

*spekulier*

Sicher erwartet man von einem Pastor niemals, dass er die Ehe auflöst. Aber ich bin kein Pastor und nicht mal religiös und dennoch hab ich an meiner Ehe festgehalten.
Nicht weil sie so schön war, nein, sie war schwierig. Nicht, weil ich Vorteile davon gehabt hätte, nein, seit der Scheidung habe ich an psychischer Kraft sogar gewonnen.
Einfach nur deswegen, weil es eine gemeinsame Entscheidung war. Und diese gemeinsame Entscheidung kann niemand einseitig auflösen: so etwas (völlig Unlogisches) dachte ich tatsächlich. Dass es doch passierte, hab ich nie so richtig verwunden.

Gekränkter Stolz

???

@sine ich wünsche dir so sehr, du kannst dich von Mama endlich emotional distanzieren. So sehr, dass du sie anrufen und mit ihr sprechen kannst wie mit einer ältlichen, betreuungsbedürftigen Verwandten, um die du dich kümmerst, weil du eben so pflichtbewusst bist.

und @matilda, dir wünsche ich sehr, du kannst dich von deinem rothaarigen Prinzen distanzieren. So sehr, dass dich seine Ängste und Tränen und Gefühlsausbrüche nur in der Weise berühren, als wäre er ein fremdes Kind, das den Weg nach Haus nicht finden kann.

und mir wünsche ich, dass ich es schaffe, so lange wie möglich so gelassen wie heute zu bleiben. Denn "mein“ Prinz hat sich seit Monaten nicht mehr gemeldet und jetzt - endlich - merke ich, wie das Herz zur Ruhe kommt. Es gibt sogar Tage, an denen ich nicht öfter als einmal an ihn denken muss.

Es geht vorwärts, aufwärts, voran. Auf in immer bessere Zeiten.

Euch alles Liebe von
Isabel

von Matilda am 17.4.: integration & comment

liebe sine,

mein pt wird diese woche seine freude an mir haben, einmal mehr passiert alles gleichzeitig, zwar im moment im überwiegend positiven sinne, aber trotzdem zuviel auf einmal, um noch so ohne weiteres als verdaulich bezeichnet zu werden.

ich hatte vom rothaarigen prinzen nicht mehr erzählt, weil mir selbst das thema längst beim hals heraus hing. nachdem ich letzten sommer alle brücken abgerissen und ihn von jetzt auf nachher vollkommen ignoriert hatte, hat seine schwester uns im herbst "zwangsversöhnt", als mein paps krank wurde, so nach dem motto: "weit weg von zuhause brauchst du alle freunde, die du kriegen kannst". seither haben wir uns von zeit zu zeit mal gesehen, mal telefoniert. mir fiel das nicht mal schwer. ich wusste, es war nur noch eine frage der zeit, bis diese wunde vernarben würde. vor etwa einem monat (siehe mein post "frühjahrsputz" vom 7.3.) habe ich mich mal mit ihm über alles unterhalten, was zwischen uns gewesen bzw. eben nicht gewesen war, um endlich diese geschichte ad acta legen zu können.

dass er in seinem schmerz gerade mich angerufen hat, ist wohl dadurch zu erklären, dass er nicht zu sehr vielen ehemaligen kollegen kontakt hat und in seinem ersten schock wohl die nähe von jemandem suchte, der dieses wundervolle mädel auch gekannt hatte. ich allerdings habe im moment nicht die kraft, in dieser tragischen situation die rolle der trösterin zu spielen, das habe ich ihm zu verstehen gegeben. mittlerweile hat sich eine ganze gruppe von freunden und kollegen mobilisiert, um blumen zu schicken, zur beerdigung zu gehen ecc. dieser gruppe bleibe ich bewusst fern, er hingegen ist nicht mehr alleine mit seinem schmerz und braucht mich nicht mehr.

das thema tod ist ein sehr, sehr heikles für mich. zwar bin ich leider schon mehrmals damit in berührung gekommen, auch schon in relativ jungen jahren, aber diesmal geht es um meinen paps, und die tragweite ist schier unüberschaubar. mein paps hat krebs in einem fortgeschrittenen stadium. er hat eine chemo- und eine bestrahlungstherapie hinter sich und steckt gerade in der zweiten bestrahlung. das alles in nur 6 monaten (so viel zeit ist seit der erstdiagnose vergangen). glücklicherweise schlagen die therapien gut an. trotzdem habe ich, haben wir alle grosse angst um ihn und diese angst begleitet mich tag und nacht, jeden tag, jede nacht - ich kann mit dem tod und dem schmerz anderer im moment nicht so gut umgehen, ehrlich gesagt. will auch nicht damit umgehen müssen, grenze mich deutlich davon ab.

mein pt hätte seine freude an dir! du hast ja ungeheuer interessante träume... vielleicht solltest du dich dem herrn jung ja auch mal widmen? zugegeben, ich habe an der schwarte reichlich zu beissen: kleine mundgerechte happen sind machbar, alles andere liegt schwer auf dem magen, wie das halt oft so ist bei diesen psycho-büchern. was ich auch noch toll finde, ist die erste vorsichtige annäherung an die traumdeutung über die interpretation der symbolik. im gespräch mit meinem pt stelle ich fest, dass mich mein wissen darüber einen schritt näher bringt an das, was mein unterbewusstsein mir durch meine träume mitteilen will...

nun wende ich mich wieder meinen pflichten zu -mein chef mag glaub ich keine guten frühlingsgefühle und ist schon seit ostern grottenschlecht gelaunt-, warte auf den parsel sörwis und hoffe, dass die letzten eineinhalb stunden dieses dienstags auch noch vorüber gehen.

es ist immer wieder schön, gedanken mit dir zu teilen.

matilda

schrecken

hallöchen matilda!

da ist es, das schicksal. es ist komisch, wenn es bei einem selbst an die tür klopft (ich denke da mal an die krankheit deines vaters) und bei anderen auch.

hm

ich fand es immer (!) eine ehre, wenn menschen mir ihre verzweifelten gedanken anvertraut haben. gerade, wenn ex-freunde irgendwann dann mal was zu mir gesagt haben, dann hatte ich den eindruck, unsere (vergangene) beziehung war nicht nur schall und rauch.

leider fehlen einem dennoch die worte, wenn auch die gedanken - gerade bei dir - bestimmt kreisen beim thema "tod".

mir selbst erscheint es aber auch neben der ehre etwas komisch, wenn ein exfreund noch ankommt! ich bin halt oft der ansicht gewesen, in den beziehungen draufgezahlt zu haben. der vertrautheit NACH beziehungsende fehlte also nicht nur das zeitliche hineinpassen, sondern oft fand ich, dass ich (mal wieder) die starke mimen sollte ohne gegenleistung.

ich hatte mir früher menschen ausgesucht, die eben gerade nicht auf dem helfersyndrom festhängen geblieben sind. wenn es mir gut ging, machte es mich unglaublich frei und mutig, wenn menschen, mit denen ich mich eingelassen habe, nicht immer nur tiefschürfendes zeug von sich gaben und statt dessen auch mal mit volldampf ein paar fehler machten.

ich bin immer noch die beleidigte leberwurst von damals. ich wiege durchaus mit einer unsichtbaren waage, ob ich bei einer beziehung (sei sie auch nur freundschaftlich) das "herausbekomme", was ich brauche und wünsche. leicht komme ich auch in die gefahr, in dem schema leistung-gegenleistung zu denken. immer noch. dennoch... es ist nicht mehr so ein schmerzhaftes thema für mich. ich habe einfach nicht mehr die elementaren probleme von früher. es liegt an den menschen! ich bin nicht mehr so in anspruch genommen!

@matilda: wie geht es dir mit dem rothaarigen prinzen? mein pt hätte mich folgendes gefragt, wenn ich ihm sowas erzählt habe (also etwas überraschendes und gleichzeitig nachdenklich-machendes): "und was haben sie gedacht, als er ihnen das erzählt hat?"

mein pt war dann in seiner unschuld ganz schön grausam. ausflüchte oder die antwort "gar nichts!" ließ er nicht gelten. meist kam dann wieder mal eine meiner leichen im keller zum vorschein, wenn ich merkte, dass ich gerade bei überraschungen an punkten angekommen war, die ich mir verboten hatte zu akzeptieren.

naja aber vielleicht ist es für dich nur eher eine melancholische situation?

ach matilda, ich wünsch dir, dass du es nicht als vorausahnung für deinen vater siehst.

weißt du, die gedanken an den tod gehören doch nunmal zum leben dazu.

ich hab übrigens auch letztens an meinen vater gedacht. besser gesagt: ich habe von ihm geträumt. im traum war alles ganz normal, dabei wäre es in der realität ein rieeeesenklopper, wenn es so gekommen wäre! mein vater lebte noch. ich bin ihn im traum besuchen gegangen und habe ihm im gespräch das alte handy von meiner mutter angeboten. in meinem traum ähnelten sich meine eltern darin, dass sie beide nicht so die hirsche in der technik des mobilfunks waren. ;-)

mein vater schaute aber noch nicht einmal auf das handy, sondern sagte nein. ohne begründung - ich fragte nach, wobei ich schon merkte, dass es einen handfesten grund gab. man merkt manchmal, dass etwas in der luft liegt, oder? also im traum merke ich das nicht immer, aber nunja.

er sagte nichts, und ich fragte ihn dann, ob er es ablehnte, weil es von mama sei? da sagte er (im traum) "ja".

ich hab das handy wortlos eingesteckt und als ich erwachte, war ich verdutzt, dass ich gerade geträumt hatte, meine eltern lebten getrennt. mir war im traum selbstverständlich erschienen, dass meine eltern sich hatten scheiden lassen!

für meinen vater wäre das ein tragischer fall gewesen, wenn es tatsächlich eine scheidung gegeben hätte - er war doch pastor gewesen und scheidung war für ihn einfach tabu.

mein vater ist ein gutes beispiel dafür, wie man sich unglücklich machen kann mit glaubenssätzen. so leid es mir tut und so unbeholfen ich mir vorkomme, das so zu sagen, ohne mit ihm je darüber gesprochen zu haben... es wäre aus meiner sicht besser gewesen, er hätte sich scheiden lassen.

aber er hätte sich ja nie scheiden lassen... sondern wenn, dann hätte meine mutter sich scheiden lassen! und mein vater wäre dann doppelt gekränkt gewesen: nicht nur, weil das eheversprechen gebrochen wurde, sondern auch, weil er als mann zurückgewiesen worden wäre. mein daddy war schon ein macho...!

oh mensch

solche träume erscheinen einem albern, aber sie sprechen etwas aus, was wir uns vielleicht im bewussten zustand nicht eingestehen wollen und nicht überdenken wollen.

mein pt (jaja, mein pt mal wieder!) hätte sich sehr für diesen traum interessiert! ich denke, in meiner geträumten scheidung und in der klaren antihaltung meiner mutter gegenüber (verkörpert durch meinen vater) liegt etwas verborgen, was in meinem inneren 1.000 mal größer ist, als ich mir eingestehen möchte. ach herrje herr je, das ist wieder fürcherlich unangenehm für mich...

monsieur hat es schon ausgesprochen: "recht hat er!", hat monsieur zu dem traum gesagt.

tja die antihaltung gegen meine mutter lebe ich übrigens aktuell so gut es geht auch WIEDER. ich rufe sie nicht an! allerdings habe ich ihr eine (kurze) e-mail geschrieben. und auf der ebene wird vermutlich unser kleinkrieg in die nächste runde gehen: sie ruft jetzt immer auf monsieurs handy an, statt mich direkt anzurufen. ich weiß nicht, was ich dagegen tun soll. aus PRINZIP rufe ich NICHT zurück, wenn sie monsieur benutzt... aber ähm ja!

:-/

was anderes noch:

hey mein studium hat mir nicht soooo in die fresse gehauen wie die ersten beiden semester! mein drittes semester beginnt gut.

ich habe mir heute meine mathe-skripte abgeholt. sie sind saudick und sauschwer. und: ich habe sie geöffnet!

*g*

es geht um vektorrechnung in dem ersten kapitel und verdeutlicht, wie man lineare gleichungssysteme in vektoren darstellen kann (blablabla). und! ich finde es interessant. interessant war es vor einem jahr zwar auch schon gewesen, aber meine hoffnungslosigkeit und meine versagensangst war größer.

ich bin so froh, dass ich mein studium nur noch von der seite anschaue und nicht mehr mit den schreckgeweiteten und verzweifelt hoffenden augen wie vorher!

naja

versagensangst hat sich heute dann leider trotzdem gezeigt wieder. aber nicht so wie damals... und ich gehe einfach mit kleinen schritten durch das tückische moor meiner inneren ängste.

so long...

gruß

sine

12 April 2007

von Matilda am 12.4.:

liebe sine,

peinlich finde ich deine blumenliebe nun wirklich nicht! vielleicht weil mir dauernd an mir selbst aufällt, wie zuckersüss ich gerade dann klinge, wenn ich meine freude an den kleinen dingen des lebens zum ausdruck bringen will: muss glücklichsein nicht ein bisschen wie zuckerwatte schmecken?

mein erster besuch beim pt wird mir wohl ewig in erinnerung bleiben. wochenlang (monatelang?) hatte ich mit dem gedanken gespielt, in therapie zu gehen, ihn aber immer wieder verworfen angesichts weit schwerwiegender probleme anderer menschen und auch angesichts meines ewigen bestrebens, es alleine zu schaffen *örks. bis der damm brach. da dachte ich dann: schön blöd bin ich, wenn ich jetzt einen rettungsring ablehne.

ich hatte glück, der bruder einer lieben kollegin, die ich als menschen sehr schätze und mit deren art ich super klar komme, ist pt, ich war ihm aber nie begegnet. zu ihm bin ich also hin. als ich ihm das erste mal gegenüber sass und zu erklären versuchte, warum ich da sass, kam ich mir vor wie ein kleines mädchen, unter dessen bett nachts die furchtbarsten monster hausen, die sich bei sonnenschein in unscheinbare staubflusen verwandeln: ich zeigte ihm also, leicht verlegen, meine staubflusen. eben weil aber ein pt anders reagiert als alle anderen, hat er in meinen staubflusen die monster erkannt. darüber war ich ungeheuer erleichtert.

manchmal spüre ich, wie meine art, mit den dingen umzugehen, ihn verblüfft. ich denke, er findet meine geschichte einfach interessant. auch deshalb, weil ich mich ihm vollkommen anvertraut habe von anfang an. ich bin in dieser therapie ohne vorbehalte, ohne ängste, ohne reserven, ich WILL die heilende wirkung spüren und ich weiss instinktiv, das geht nur wenn ich mitmache. ausserdem kann ich ihm eh nichts verbergen bzw. merkt er sofort, wenn ich mit was nicht rausrücken will.

jede therapie ist eine sehr persönlich erfahrung. trotzdem finde ich es interessant, mich mit anderen patienten auszutauschen. paralllen zu entdecken, aber auch gegensätze zu finden. es bestärkt mich darin, weiter zu machen, wenn es grade nicht vorwärts geht oder sehr weh tut. es bestärkt mich darin, mien therapieziel nicht aus den augen zu verlieren und auch, inwiefern ich ihm näher komme. ich finde es unglaublich faszinierend, was diese gespräche in mir auslösen, welche entwicklungen sich ergeben, wie anders ich mich sehe, fühle, gebe, ich finde es wunderbar, an die hand genommen und behutsam begleitet zu werden. ich bin süchtig nach anerkennung und lerne aber endlich auch, mit kritik umzugehen.

was ich hingegen nicht haben kann, sind diese letzthin so in mode gekommenen "lifecoaches", die in irgendwelchen schnellkursen mit selbstgebasteltem diplom lernen, wie man andere durch ihr leben begleitet. beim friseur sprach mich unlängst so eine tussi an. da finde ich jedes psychobuch hilfreicher, ehrlich gesagt. diese phrasen sind mir ein absoluter greuel! *würg. sie meinte noch, sie wolle mich gratis coachen, weil ich ja eine ach so interessante frau sei. ich bin, ganz entgegen meiner üblichen auffassung, vielleicht etwas garstig geworden.

ich mag blumen jedenfalls auch. tulpen sind meine lieblingsblumen. und sonnenblumen finde ich herrlich... und geranien... ausserdem liebe ich die sonne. und das meer. und cappuccino, mmmh...

matilda

11 April 2007

blumenliebe

Matilda wrote:
wie bist du denn aus diesem schlamassel rau gekommen? ich meine, was war der auslöser für den umschwung zur blumenliebe, zur sonnenliebe, zur SELBSTliebe?


*verlegen*

jaja die blumenliebe... ist ein bissi peinlich, find ich, dass ich es so sage. aber worte sind für die zufriedenheit (oder sogar: für das glück), was ich jetzt häufig empfinde, inmmer eher unpassend, fürchte ich.

ok aber nun isses ja schon so peinlich für mich, also weiter damit!

:-D

ich weiß nicht, wie ich da herausgekommen bin. ich muss sagen, dass die konfrontationen im liebeskummer-forum für mich enorme schritte nach vorn bedeutet hatten. ich denke, es hat mir auch nicht immer nur geschadet, wenn ich mit leuten diskutiert habe, die mich nicht richtig verstanden haben. jedes mal, wo ich meine gedanken in worte fassen musste (oder wollte), erdete ich mich ein bißchen und konnte dann weitermachen auf der basis der gedanken, die ich gerade zu erhaschen versucht hatte.

tagebuchschreiben wäre nicht so günstig gewesen, glaube ich. wie gesagt: therapie bedeutet, dass man akzeptieren lernt, dass sich alles verändern kann. auch die vergangenheit. hätte ich mir alles aufgeschrieben, wäre das schreiben nicht nur ungeheuer mühsam geworden - ich hatte ja nach meinem besuch bei meiner mom schon erzählt, dass die sichtweisen von früher im nachhinein ungeheuer verworren erscheinen und man mühe hat, sie in kenntnis eines neuen blickwinkels überhaupt noch ernst zu nehmen. das schreiben wäre nicht nur mühsam gewesen, es wäre auch zu viel der ehre und anstrengung gewesen, denn ich hätte im zweifel nur die vergangenheit mit sehr viel energie herbeibemüht, anstatt mich auch mal auszuruhen und das neue gefühl (meine verständnis-schritte waren fast immer eine ganze gefühlswelt) zu erleben.

will sagen:

das flüchtige schreiben im internet war sehr günstig gewesen. mein pt kam damals kaum noch mit mit den entwicklungen - ich selbst dachte zwar, ich sei total neben der spur, aber er war so begeistert, dass er mir am ende ja kaum glauben konnte, dass ich KEIN psycho-buch gelesen hatte und mir alles selbst ausgedacht hatte (ich hab damals die figur des herrn selbstzweifel zu beschreiben versucht und mein verhältnis zu dieser gedachten person).

und DANN... hat die langeweile in der therapie, die gewissheit, dass "es hilft", mich aus der therapie getrieben. das war sehr schwierig für mich zu beurteilen, ob ich es richtig gemacht hatte: mein pt meinte, ich sei noch nicht fertig mit der therapie und willigte nur unter dem vorbehalt in das ende meiner therapie ein, dass ich zurückkäme, wenn ich einen "rückschlag" hätte oder mich sonst irgendwie danach fühlen würde. zudem hatte er bedeutsam gesagt, es kämen sicher noch "rückschläge" und ich sollte nicht verzweifeln.

:-/

aber ich wollte wirklich nicht länger in diesem geschützten bereich meine theorien ausbrüten und mit meinem therapeuten besprechen!

ich wusste, langsam wird es albern...: ich kann doch nicht erzählen, dass ich mich besser fühle, wenn ich jede woche zum pt renne, der mich dann ggf. bestärkt und aufbaut. ich fühlte mich wie am tropf! was, wenn die bestärkung durch die psychotherapie wegfiele?

DESHALB hab ich die therapie beendet.

in meinen augen kam jeder erfolg in meiner therapie nur auf der ebene zustande, dass ich mich auch voll darauf eingelassen habe. ein verständnis für meine probleme bedeutete ja, dass ich diese probleme dann auch irgendwie einordnen musste (oder wollte) und sie nach möglichkeit LÖSE. lösungen, die ich in entspannter atmosphäre für mittlerweile nicht wenig geld (die krankenversicherung zahlte bei mir nach einem jahr nur noch 90 % und im dritten jahr wäre es noch teurer für mich gewesen) vor mich hinplapperte, waren doch nur träume...

wie das mit der blumenliebe *örks* kam, weiß ich nicht. es kam so. manche dinge kamen so, und immer war es irgendwie am ehesten mit einem schock vergleichbar, denke ich. ich habe oft gesagt, dass es halt situationen gab, in denen mir eine art schleier weggenommen schien - ich wusste irgendwie, dass es DAS ALLES wohl schon immer gegeben hatte, was mich jetzt SO ansprach. aber ich hatte es einfach nicht wahrgenommen.

ich hatte im lk-forum zwei vielschreiber gehabt. ich hab beide vergrault, aber bis zu den real-life-treffen, wo ich sie dann jeweils vergrault habe, war es sehr interessant.

beide hatten therapie-erfahrung. der eine war ein wirklich sehr netter und auch hm sagen wir musischer typ. ihm mangelte es ungeheuer an selbstbewusstsein, und dummerweise war ich gerade in einer phase, in der ich es gerade VERMEIDEN wollte, einem problembeladenen menschen wie verrückt von meiner energie abzugeben. er musste sich schon am eigenen schopf aus seinen eigenen problemen ziehen, und ich war erstaunt, dass ihm das nicht zu gelingen schien in seiner therapie.

ich habe dann aber (glaube ich zumindest) verstanden, warum ihm die therapie keinen nutzen brachte: er hat gar keinen aufschwung erwartet. er ist in einer art gehorsam zur therapie getrottet! ich will gar nicht darüber mutmaßen, ob er seine umgebung nicht geradezu genervt hat mit seiner anlehnungsbedürftigen untertänigkeit, der immer ein trotz innewohnte und ihm ein dilemma - nämlich die distanz in der totalen nähe - bescherte! es war mir ehrlich egal, was bei ihm wie warum und weshalb war.

ich war einfach nur enttäuscht von ihm - keine ahnung, was ich manchmal so belastend finde an menschen, die sich freiwillig fesseln anlegen und dann leiderfüllt vor sich hinvegitieren!

an der oberfläche zeigte er dann, dass er seine therapie sehr ernst nehme und präsentierte ausgefeilte und weitverzweigte geschichten über seine eltern, über seine geschwister, alles mögliche, und immer war die berühmte kindheit schuld an seinen aktuellen problemen.

ich muss zugeben, ich leide schon noch darunter, dass ich ihm nicht geholfen habe. ich habe schon oft in meinem leben diejenige gespielt, die dann die hand gereicht hat, die auf die positiven dinge hingewiesen hat, die ablenkung und lernen vermittelt hat... aber erstens hatte ICH selbst ein problem, und zweitens war die gefahr, dass ich erneut vor mir selbst davonlaufe, indem ich mich für einen anderen hergebe mit meinem ganzen denken und hoffen, sehr groß.

es kam, wie es vielleicht auch kommen musste: er beschimpfte mich. ich weiß nicht mehr, worum es ging, aber verstanden habe ich seinen zorn so: er war es durchaus gewohnt, dann emporgehoben und behandelt zu werden, wenn er sich geöffnet hat. für ihn war ich eine starke persönlichkeit, die geradezu zaubern konnte und ihm sozusagen mit einem fingerschnippen helfen konnte. es steckte ein aberglaube in seinen enttäuschten worten, dass ich ehrlich nicht mehr zuhören konnte.

dasselbe ende fand auch die virtuelle freundschaft mit einem anderen liebeskummer-bekannten. von DEM allerdings habe ich etwas mitgenommen, was mir zu beginn NULL eingängig gewesen ist: die blumenliebe. er formulierte (leider wiederholt): "nun sehe ich die blumen am wegesrand". das fand ich lächerlich, und mein instinkt hat mich (meiner ansicht nach) auch nicht getrügt: der mann hat nur von etwas geredet, es aber nicht (immer) wirklich erlebt.

nun ja

beide waren mir ein abschreckendes beispiel! so wollte ich meine therapie nicht entwerten.

ich denke, jeder muss seinen eigenen weg finden. diesen weg zu finden, ist einfach und schwierig zugleich: man muss ihn suchen. ich habe meinen weg gesucht: direkt oder über umwege, lernen von anderen oder vermeiden. mein pt meinte, jeder entwickelt einen blick für sein inneres. es sei normal, dass man dafür bezeichnungen kreiert, die es so nicht gibt im gesellschaftlichen konsens. es kann auch sein, dass man sein inneres gar nicht benennen kann - aber jeder, bei dem die therapie anschlägt, beginnt, seine schwächen zu akzeptieren und seine stärken nicht überzubewerten.

ich glaube, therapie macht lust auf neues. ich denke oft, wenn ich - wie meine strafgefangenen, die ich ja noch betreue - eingesperrt wäre, ich hätte noch so viel zu unternehmen und zu entdecken IN MIR...!

dummerweise, so muss ich zu dem gedanken des mönchischen eingesperrtseins hinzufügen, dummerweise sind die meisten erkenntnisse nicht produzierbar ohne entsprechende anreize von außen. zumindest vermute ich, dass die innere entwicklung schneller funktioniert, wenn man sich wechselnden situationen und problemen auch real stellt.

bla

und DESHALB bin ich zur blumenliebe gekommen.

nun weißte bescheid, oder? *lach*

gruß

sine

von Matilda am 11.4.: blickwinkel

"liebe deinen nächsten wie dich selbst" - das sagt alles und doch bleibt ein wesentlicher teil ungesagt: dass du nämlich deinen nächsten nur so viel lieben KANNST, wie du dich eben selber liebst. und genau daran hat es jahrelang auch bei mir gehapert.

da geht es nicht nur um angeknackstes oder gar fehlendes selbstbewusstsein. auch nicht um irgendeinen (schönheits)komplex. sondern: ich habe mich selbst nicht annehmen können. es wäre zu einfach und vor allem zu bequem, die ganze verantwortung dafür auf meine eltern bzw. meine mutter abzuwälzen. mir ist schon klar, dass ich selbst eine ganze menge zu dieser verfahreren situation beigetragen habe. es geht mir auch nicht darum, festzustellen, wer denn letztendlich für meine mangelnde selbstliebe verantwortlich ist. sondern vielmehr darum, diesen zustand bleibend zu ändern.

du hast schon recht: selbstzweifel und schuldgefühle liegen nahe beieinander. manchmal sind sie kaum voneinander abzugrenzen.

genau davon habe ich GENUG. mein pt muss auch manchmal grinsen, so wie letzte woche zum beispiel, als ich ihn fragte, wie lange das wohl noch so weiter geht, ich sei müde und hätte genug davon. oder wenn ich situationen, die ich eigentlich schwer verdaulich finde, ironisiere. wie bist du denn aus diesem schlamassel rau gekommen? ich meine, was war der auslöser für den umschwung zur blumenliebe, zur sonnenliebe, zur SELBSTliebe?

drück dich!

matilda



10 April 2007

brabbelnd auf der höhe

hallöchen

hm matilda... das klingt super. ich hab nun bestimmt nur eine höchstpersönliche erfahrung gemacht mit meiner eigenen therapie, aber ich interessiere mich dennoch auch für andere, die eine psychotherapie machen. zumindest so lange, wie ich noch mitdenken kann - es gibt bestimmt menschen, bei denen ich nichts verstehe, wenn sie von ihrer therapie erzählen (hab ich auch schon kennengelernt... hatte allerdings den leisen verdacht, dass es nicht allein an mir liegt, dass ich nichts kapiert habe, sondern dass die betroffenen sich vll. nicht in die therapie wirklich hineingeben wollten und entsprechend verwirrdendes und die innere ablehnung widerspiegelndes zeugs erzählten).

bei dir kann ich bisher gut mitdenken, und ich erinnere mich, wie erstaunlich auch ich es fand, dass die teilweise grausamen wahrheiten doch so erleichternd sein können.

du hattest geschrieben:

ich hatte zum beispiel vor etwa 6 wochen entdeckt, dass ich vollkommen unfähig bin, NEIN zu sagen [...]. [...] die daraus resultierende unfähigkeit (die in einem unglaublichen kontrast zu meiner karriere, meinen erfolgen, meiner entschlossenheit steht) war der grund für ein riesiges und ziemlich schweres bündel ballast, das ich jahrelang mit geschleppt hatte. [...] zu erkennen, dass meine unfähigkeit lieben menschen jahrelang kopfzerbrechen, herzschmerzen und grobe selbstzweifel beschert hatte, und mir die wachsende überzeugung, beziehungsunfähig zu sein, war bitter. aber der daraus resultierende willen, endlich was zu ändern und das alles zu klären, an den passenden stellen um verzeihung zu bitten und an anderen einfach geradeaus weiter zu gehen, ohne irgendwelche falsche rücksichten, war ungeheuer befreiend. das meine ich mit reinigender wirkung, und es gibt unzählige beispiele.


ja ich erinnere mich auch, dass ich daran zwei dinge bestürzend fand (also ich meine: so ähnliche einsichten gab es bei mir auch): ich fand es bestürzend, dass ich OHNE ES ZU MERKEN menschen verletzt hatte und ich fand es bestürzend, dass ich nicht selbst darauf gekommen war und mir ein fremder mensch (mein therapeut) eine so einfache beschreibung meiner vergangenheit eröffnen musste.

ich muss sagen, dass ich dann allerdings irgendwann auch danach zu lechzen anfing, dass mein therapeut mir die kehrseite meiner selbstwahrnehmung vor augen führte. ich war teilweise sehr unzufrieden, wenn das dann wochenlang nicht mehr geschah und empfand die therapie in solchen friedlichen therapiesitzungen als verlorene zeit.

insbesondere fragte ich mich auch dauernd, wie zum henker ich solche selbstverarschungen in zukunft vermeiden könnte und brachte damit meinen therapeuten auch öfter zum grinsen, weil ich ihn genau das gefragt habe. es tut ungeheuer gut, dass ein therapeut dann eben anders reagiert als ein normaler gesprächspartner. mein pt hat nicht die schultern gezuckt und er hat auch nicht behauptet, es gebe einen trick, um diese inneren konflikte sauberer und vor allem verletzungsärmer zu lösen. ich glaube, er hat mir vermittelt, dass man eben nur selten über seinen tellerrand hinausschauen kann und dass man gut daran tut, das leben einfach zu leben.

ich sage "ich glaube...", weil mein therapeut gerade die auflösungen von meinen inneren rätseln in der schwebe gehalten hat. alles sollte noch wandelbar sein, keine erklärung sollte die endgültige sein.

ein großes thema waren auch die lieben schuldgefühle. was du gesagt hast über das "nicht-nein-sagen-können", matilda, ist ja ein fall von schuldgefühlen, oder?

ich bin halt mehr der aggressive typ gewesen (und vielleicht bin ich es ja immer noch *g*) und mir war klar, dass menschen sich wehtun. ich bin selten der ansicht gewesen, dass menschen sich grundlos oder aus dummheit oder lust (alleine) wehtun, und ich habe schon immer gedacht, dass die "nebenwirkungen", die menschen auf mich selbst haben, wenn sie unangenehm sind oder sogar verletzend, normal sind.

mein problem war eher, dass ich auf gewisse weise dauernd verzeihend durch die welt gegangen bin und alles leid der anderen für normal, ja sogar für besonders interessant gehalten habe.

der für mich absolut rätselhafte spruch meines therapeuten war dann auch immer wieder, dass ich "gutes" nicht annehmen könnte. mal behauptete er dies (was ja nicht so gut ist in einer therapie, wenn der pt feststellungen tätigt, oder wie denkst du?), mal fragte er mich, und immer guckte ich wie ein auto und verstand nicht, was er meinte.

ich glaubte einfach so felsenfest, dass man sich abgrenzen müsse und dass es ein rezept gebe, das alle (!) menschen kennen würden nur ich nicht, WIE man sich korrekt abgrenzt, also das war mein glaubenssatz und ich hab mich kaputtgemacht damit, dass ich etwas zu lernen versucht habe (nämlich das abgrenzen) und nicht die voraussetzungen (nämlich ein glückliches inneres) gesucht habe.

wenn du schreibst:
dieser gedanke, der auch durch meinen kopf (und meine therapie) schwirrt, und den in worte zu fassen mir bloss nie gelungen ist


... muss ich zugeben, dass es auch für mich ein griff in den nebel war und immer wieder mal sein wird, einen gedanken zu formulieren wie diesen.

wenn der gedanke dann DA ist, dann ist es einfach, nicht wahr (wobei ich fürchte, man kann gedanken auch wieder töten... aber immerhin sind gedanken, die da sind, erstmal lebendig). wenn nämlich der gedanke da ist, geschieht es so leicht wie wenn sich öl und wasser trennt, dass wir verstehen, was wir uns (und ggf. auch anderen) früher angetan haben und was davon eine sackgasse war und was nicht.

aber die gedanken, die solche reinigenden klärenden wirkungen haben, sind äußerst schwer zu finden. als ich meinen gedanken zu meiner mutter formuliert hatte, war er schon wieder fast verdampft! wie schnell kehren die glaubenssätze, die gedanklichen tretmühlen und hauseigenen folterwerkzeuge in mein gehirn zurück, unglaublich, sie schleichen sich herein und es bleibt GAR KEIN platz mehr für meine hilfreichen gedanken häufig.

wenn (!) ein gedanke da ist, dann wird das, was der selbsterkenntnis entsprechend neu eingeordnet werden kann, so glasklar, dass man sich komischerweise nicht mehr richtig daran erinnern kann, was man früher mal anders hatte verstehen können. also gibt es auch hier eine starke vergessensdroge... *g*

ich muss schon stark grübeln, um meine quantensprünge meiner therapie noch wenigstens zum teil darstellen zu können! ich erinnere mich gar nicht mehr an den gedanklichen knoten, der mir meine gefühle und meinen verstand eingeschnürt hatte, ich weiß nur noch, dass ich mich bei dem erkennen immer gewundert habe, wie einfach das verstehen doch ist... wenn... ja wenn was? bei mir fehlte IMMER nur eine sache: selbstliebe.

ein blödes wort

bennennen wir es anders: sagen wir, dass es mir fehlte, energie in mein eigenes ich zu setzen.

klingt immer noch blöde, aber nicht mehr so fürchterlich altbacken wie das wort "selbstliebe".

^^

immer, wenn ich einen gedanken gefasst habe, kam ich mir wie ein schüler in der ersten klasse vor. es gab absolut nichts, was ich noch sicher wusste, immer war alles rätselhaft - und natürlich (!) gab es auch immer noch den unterschwelligen glauben, es gibt ein rezept, eine feststehende wahrheit.

ich denke, ohne den glauben an ein kochrezept kommt der mensch mit den geistig-emotionalen und geistig-philosophischen fragen auch nicht voran.

dem stufenweisen verstehen, dem ausruhen auf einer kleinen klippe auf dem anstieg zu uns selbst und dem geniessen der immer schöner werdenden aussicht steht gegenüber, dass alles, was wir heute noch wissen, morgen schon wieder anders aussehen kann.

veränderung und mut ist notwendig, und du hast recht, matilda, wenn du den mut und die freude wahrnimmst, die uns komischerweise "geschenkt" wird.

thema "geschenkt":

ich mache gerade mein zweitstudium. meine mutter hatte es im letzten winter ausgesprochen, was das vernichtendste urteil über mein aktuelle lebenssituation für mich sein konnte. sie sagte, dass ich zu alt sei, dass ich mich dauernd jünger zu machen versuchte, naiv sei, dass ich mit dem studium nur eine unsinnige verdoppelung meiner ausbildung anstreben würde, dass ich falsch sei.

ich mache gerade mein zweitstudium. meine kollegen und meine vorgesetzten, und vor allem auch wildfremde menschen sprechen mich genau darauf an und sehen ernsthaft erstaunt oder auch bewundernd aus. sie sagen, dass es schon super zusammenpassen würde, dass ich juristin sei und sechs jahre im beruf gestanden hätte. dass ich jetzt noch ein zweitstudium machte. dass ich das unbedingt fertigmachen müsste.

vorher hatte ich nichts - ich hatte die dauernde kritik meiner mutter UND die kritik von außen. JETZT, wo ich etwas versuche und etwas wage - und zwar etwas, was (fast) ausschließlich zu meinem eigenen (!) vergnügen gedacht ist - sagen mir alle (bis auf meine mutter), dass es so "schon richtig" sei und geben mir gute wünsche und einfach ihren guten glauben mit.

ich frage mich, wie ich mein leben leben konnte ohne diese unterstützung durch die ganze welt.

*lach*

die sonne scheint oft so berauschend schön. ich habe so viele "lieben" begonnen in meiner umbruchphase (liebe zu blumen, liebe zu wasser, liebe zu wind und liebe zu dieser stadt), ich weiß manchmal (so ähnlich wie du vielleicht) nicht, wohin mit den gefühlen und bin zum beispiel manchmal richtig verlegen auf unserem wochenmarkt, weil mich dann so viele herrliche blumen angucken.

he

natürlich hab ich nicht jeden tag einen blumenflash und die sonne schien jetzt auch mehrere tage am stück GAR NICHT.

ich vergesse dann auch tatsächlich meine neue empfänglichkeit für den reiz der sonne oder welcher "liebe" auch immer. aber kaum scheint die sonne wieder, kaum springt eine blume in mein blickfeld, schon ist es da und es hat eine schockartige wirkung!

so

wenn du und ich, matilda, so weiter machen, werden wir vermutlich bald zwei brabbelnde frauen auf einem stein werden, die dauernd sagen, wie glücklich sie sind.

aber so ist es halt und mir ist lieber, ich werde schrullig, als umgekehrt, wo mich alle schrullig FANDEN, obwohl ich es (meiner meinung nach) gar nicht (!) war.

bäh... jetzt muss ich meinen schreibtisch aufräumen. hm. aber die sonne ich rausgekommen.

hm

jetzt noch ne blume, und ich bin high? nein, leider nicht. ich muss mich immer noch durch die täler des lebens graben... aber es kommen zum glück danach auch höhen.

gruß

sine

von Matilda am 10.4.

liebe sine,

deine gründe für den besuch bei muttern kann ich sehr gut nachvollziehen. wie es dir dann dort ergangen ist, ehrlich gesagt, auch. was ich aber am zutreffendsten finde in deinem post ist dieser gedanke, der auch durch meinen kopf (und meine therapie) schwirrt, und den in worte zu fassen mir bloss nie gelungen ist, nämlich:

mir wurde klar, dass ich verdammt große anstrengungen unternommen hatte in meinem leben, um entweder gegen meine eltern zu rebellieren oder um mich anzupassen oder um einen alternativen lebensentwurf (alternativ zu dem, was meine eltern wollten) zu verwirklichen. aber seit beginn meiner therapie hat die reise ein ende. das davonrennen und wieder-annähern an meine eltern... es ist nicht vorbei, aber so langsam ist es auf eine andere ebene gekommen und ich glaube, eines tages (und wenn ich ehrlich bin: hoffentlich bald) werden meine bemühungen nicht mehr immer und immer wieder zu meinen eltern hinführen, sondern an ihnen vorbei.

konkret gesagt: ich hatte plötzlich die eingebung, dass meine therapie und alles, was seither gewesen ist, mir den willen gegeben hat, mich nicht mehr anzupassen, sondern mein eigenes wohl zu suchen.

genau das ist es, was ich auch erreichen will: mein eigenes leben leben. wobei ich das ihre immer wieder berühren werde, jedoch ohne dass die beiden untrennbar ineinander fliessen.

das ist es doch schliesslich, was unsere eltern uns geben: ein eigenes leben. und ich erachte es geradezu als pflicht, meines in allen einzelheiten, mit schönen und schwierigen momenten, aber stets zu 100% zuzulassen, auszukosten, zu er-leben. ohne andauernd auf den segen meiner eltern zu warten (oder eben auf ihre kritik). das klingt alles so natürlich, ist aber verdammt schwierig, finde ich. und ebenso wie du bin ich auf der reise, das heisst, manchmal geht es schneller vorwärts und manchmal stehe ich im stau. aber zumindest weiss ich endlich, wo ich ankommen will, und lasse mich auch durch pannen nicht mehr von meinem ziel abbringen.

was hingegen die therapie betrifft: mein therapeut hat mich gott sei dank noch nie dazu aufgefordert, mit irgendwas auf ein kissen einzuschlagen: ich fände das ehrlich gesagt sehr befremdlich, das ist so gar nicht meine art, agressionen los zu werden. ich tanze lieber ;-)... verunsichert bin ich eigentlich nicht, sondern felsenfest davon überzeugt, das richtige zu tun, unabhängig davon, wie es gerade läuft oder welche wirkung es auf mich hat. es ist nur so, dass ich natürlich auch seiten an mir entdecke, die ich lieber nicht hätte. daran habe ich manchmal arg zu beissen. ich hatte zum beispiel vor etwa 6 wochen entdeckt, dass ich vollkommen unfähig bin, NEIN zu sagen und für meinen willen einzustehen. aus angst vor zurückweisung, aus angst vor dem allein sein, aus angst, die falsche entscheidung zu treffen. diese angst, bzw. die daraus resultierende unfähigkeit (die in einem unglaublichen kontrast zu meiner karriere, meinen erfolgen, meiner entschlossenheit steht) war der grund für ein riesiges und ziemlich schweres bündel ballast, das ich jahrelang mit geschleppt hatte. vor elf jahren zum beispiel endete eine langjährige beziehung, die eigentlich in eine märchenhochzeit hätte münden sollen, in einem gefühlstechnischen disaster. zu erkennen, dass meine unfähigkeit lieben menschen jahrelang kopfzerbrechen, herzschmerzen und grobe selbstzweifel beschert hatte, und mir die wachsende überzeugung, beziehungsunfähig zu sein, war bitter. aber der daraus resultierende willen, endlich was zu ändern und das alles zu klären, an den passenden stellen um verzeihung zu bitten und an anderen einfach geradeaus weiter zu gehen, ohne irgendwelche falsche rücksichten, war ungeheuer befreiend. das meine ich mit reinigender wirkung, und es gibt unzählige beispiele.

heute bin ich sonniger, bestimmter, selbstsicherer. das strahle ich offensichtlich aus, was wiederum mein soziales umfeld positiv beeinflusst, was mir wiederum sicherheit im umgang mit meiner (nicht präsenten) mutter gibt, was sich positiv auf mein wohlbefinden auswirkt, usw, usf. manchmal heule ich in der therapie wie ein springbrunnen, manchmal bin ich noch tagelang aus dem gleichgewicht (nicht gerade krank und arbeitsunfähig, aber halt ein bisschen verwirrt), aber das endergebnis ist durchwegs positiv, finde ich. und zwar für MICH.

herzlichst,

matilda

09 April 2007

leben ohne mutter lernen

hallo!

@Matilda: wie es dazu gekommen ist, dass ich zu meiner mutter fahre?

weißt du, der elementare nachteil an der abstinenz von meiner mutter war, dass sie für mich unerreichbar war. das klingt jetzt albern, ich weiß. ich hatte aber nunmal das gefühl, als wäre sie gestorben - es war eine sehr perverse situation für mich. denn ich hatte sie geistig "sterben" lassen für mich, und das kann ich meinen eltern nicht ohne weiteres antun.

es berührt mich immer noch sehr, dass mein vater tot ist. im fernsehen heule ich immer noch bei so ziemlich jeder todesszene, obwohl es nicht mehr das "abheulen" ist, sondern nur noch ein "mitheulen". also damit will ich sagen, dass bis vor kurzem die gelegenheiten, wo ich heulen konnte (also z.b. bei todesszenen im tv), mir eine last genommen haben und ich mit meinen tränen etwas rausgelassen habe, was mir zu viel war. jetzt ist es nicht mehr so, dass mich das heulen erleichtert, aber das berührt-sein ist noch sehr stark.

ja, und somit ist es schon sehr heftig für mich gewesen, als ich gemerkt habe, dass das ignorieren meiner mutter für mich dieselbe bedeutung (und dasselbe gefühl) hatte wie ihr tod.

ich hab sie trotzdem ignoriert. wir - meine mutter und ich - waren ja so ein bißchen verabredet für märz... sie wollte mal "so richtig" mit mir reden, und ich hab vollmundig "ja, das machen wir, wenn ich wieder in berlin bin" geantwortet. ich hab mich dann aber im märz zunächst auch nicht gemeldet - ungeheuerlich für meine mutter, da sie ja schon an mich gedacht hat in dieser zeit.

dann rief ich sie aber an, denn auch wenn ich hoffte, um unser tolles wiedersehen im märz herumzukommen, so wollte ich sie dennoch an ihrem geburtstag am 8. april wiedertreffen. ich wollte dazu auch zu ihr hinfahren! es ist schon so, dass es eben wirklich ganz ätzend ist, wenn alles, was mit meiner mutter zusammenhängt, plötzlich für mich nicht mehr existiert. das bezieht sich auch auf unseren dackel (superdog!!!) und auf die wohnung in bs.

im gegensatz zum realen tod habe ich die chance, mir diese welt nochmal anzuschauen, sie sogar zu erleben. und der geburtstag meiner mom ist auch ein formaler zeitpunkt - ich hoffte, dass ich damit das ruder nicht gleich wieder aus der hand geben würde, was unser emotional äußerst unerfreuliches miteinander angeht.

ich hab keine ahnung, ob ich das ruder noch in der hand halte... es war grauenhaft, und der klopper ist, dass es in der folgenden zeit bis zu meinem geburtstag (ende mai) kaum ein wochenende geben wird, an dem meine mutter NICHT in berlin sein wird.

sie hat sich in ihrem hohen alter (meine mutter ist pensioniert) eine ehrenamtliche tätigkeit ausgesucht und sich da sehr schnell in richtung vorstandsmitgliedschaft vorgearbeitet. jetzt strebt sie einen vorstandsposten in bs an und will auch noch zu irgendeinem mitglied des bundesvorstands gewählt werden - der bundesvorstand hat seinen sitz natürlich in berlin.

daher eiert sie dauernd auf kosten der altenhilfe-organisation, wo sie in der beschriebenen art so fleißig mitmischt, nach berlin. sie lechzt nach anerkennung, sie mag es, eine selfmade-frau zu sein - und in ihrer impulsiven art wird sie nun dauernd hier anrufen und fragen, ob ich mal ein stündchen zeit für sie habe!

*arrrgh!*

ich kann auch nochmal langsam erläutern, wie es war, wie sich alles entwickelt hat - und ich denke, eine chronologische und detaillierte erklärung ist eigentlich auch notwendig, um den neuesten auftritt meiner mutter in meinem leben (und umgekehrt) zu beschreiben. denn es ist immer noch so, dass keine überschrift gefunden werden kann (von mir jedenfalls nicht!), die unser wiedersehen zusammenfassen oder zumindest andeutend beschreiben könnte. es ist immer noch so, dass meine mutter vor unlogik strotzt, es ist immer noch so, dass ich ihr nicht glaube, dass sie ein echtes interesse an mir hat (nicht, dass es darauf ankäme - aber es wäre schön, wenn ich wüsste, dass sie KEIN interesse hat! denn dann könnte ich daraus auch meine folgerungen ziehen und mich entsprechend verhalten.). es ist alles eine katastrophe von vorn bis hinten: es gab peinliche momente, sie hat mir die geschichte mit ei aus der nase gezogen (andere dinge, die ich wirklich nicht mit ihr diskutieren wollte, konnte ich hingegen zum glück aus dem gespräch fernhalten). es gab nette momente, aber ich KANN SIE NICHT ANSEHEN, ich find sie furchtbar und ätzend und alles hat mich belastet.

wenn ich sie ansehen würde, müsste ich ihr sagen, wie ich dinge finde und was sie alles mit MIR nicht machen kann - aber leute!!! das HABE ICH IHR SCHON 100 oder sogar 1.000 mal gesagt! der wahnsinn ist doch, dass sie mich nicht versteht, dass sie mir dinge unterstellt (z.b., dass ich ihr mit meinen abgrenzungsversuchen nur wehtun will und undank und unartigkeit beweise), dass sie (auch im guten, nicht nur im bösen) dinge kleinredet, die mir wichtig sind, und andere dinge vorschlägt, deren ablehnung durch mich sie mit einer so großen ungläubigkeit quittiert, dass ich ausrasten könnte!

ähm

also sitz ich da und wundere mich, dass es so schlimm ist.

ich werde also lieber nicht die sachen erzählen, die mal wieder alle geschehen sind und auch nicht mein erstaunen äußern, dass einige dinge, die ich dann auch noch erwartet hätte, ausnahmsweise mal nicht geschehen sind, wohingegen andere sachen, die ich längst vergessen hatte, wieder präsent waren...

es gab aber etwas, das mir aufgefallen ist:

ich hatte eine gewisse distanz. diese distanz war etwas, was mir den blick für etwas geöffnet hat, was ich aus der ferne und ohne die konfrontation mit meiner mom bisher noch nicht erkannt hatte: mir wurde klar, dass ich verdammt große anstrengungen unternommen hatte in meinem leben, um entweder gegen meine eltern zu rebellieren oder um mich anzupassen oder um einen alternativen lebensentwurf (alternativ zu dem, was meine eltern wollten) zu verwirklichen. aber seit beginn meiner therapie hat die reise ein ende. das davonrennen und wieder-annähern an meine eltern... es ist nicht vorbei, aber so langsam ist es auf eine andere ebene gekommen und ich glaube, eines tages (und wenn ich ehrlich bin: hoffentlich bald) werden meine bemühungen nicht mehr immer und immer wieder zu meinen eltern hinführen, sondern an ihnen vorbei.

konkret gesagt: ich hatte plötzlich die eingebung, dass meine therapie und alles, was seither gewesen ist, mir den willen gegeben hat, mich nicht mehr anzupassen, sondern mein eigenes wohl zu suchen.

ich muss zugeben, dass es gerade an dieser erkenntnis ganz stark kratzt, wenn meine mutter dieses wochenende wieder so über meine prinzipien hinweggewaltzt ist und mich so vereinnahmt hat. aber es bleibt ein gedanke bestehen, der nun einmal schwach ist, aber vielleicht wächst er ja noch. und dieser gedanke ist, dass ich nicht mehr in dieser welt umherirre, um entweder von meinen eltern davonzulaufen oder um es ihnen recht zu machen.

tjach

so viel dazu *g*...

ich habe übrigens in meiner therapie auch immer das gefühl gehabt, dass die therapiestunden klärend waren (nicht alle, aber bestimmt die allermeisten).

Matilda hat geschrieben:
trotzdem haben die gespraeche mit meinem therapeuten eine reinigende wirkung.


ich fand dennoch nicht, dass die therapie anstrengender war als andere gedanken, die ich damals hatte. damit möchte ich sagen, dass die angst, dass eine therapie ja sooooo anstrengend ist, nicht berechtigt ist. natürlich IST eine therapie etwas anstrengend, ja, aber das, was man mir erzählt hatte - dass man tagelang nicht mehr arbeiten kann manchmal oder dass man erstmal vielleicht krank wirrd -, ist nicht eingetreten.

ich habe mich übrigens bei meinem therapeuten auch nicht selten geschämt. er hatte so komische ideen manchmal. er wollte beispielsweise, dass ich meine hemmungen und meine inneren anspannungen verliere, indem ich mit einer bestimmten (weit ausholenden) bewegung mit einem gedachten schwert in ein kissen haue. das kissen legte er mir auf den fußboden und gab mir einen hölzernen stock. ich hab es ausprobiert - denn wer um rat fragt, muss auch rat annehmen können.

aber dann hab ich ihn gebeten, das nicht nochmal von mir zu fordern.

wir haben es dennoch nochmal gemacht, weil er mich so gebeten hatte, aber dann war es endgültig vom tisch. ich habe gesagt, dass ich seine therapie sehr schätzen würde, aber dass ich es abbrechen würde, wenn er behaupten wollte, das einschlagen auf ein kissen sei ein notwendiger therapieteil (ich hab hinzugefügt, dass ich die schlagende und aggressive bewegung in einer umgebung, in der ich mein innerstes preisgebe, nicht für angemessen erachte und dass ich nicht zum kämpfen hergekommen sei).

es gab noch mehr so aktionen und ich war damals sehr verunsichert.

das war aber auch schon alles, was mich verunsichert hat in der therapie!

Matilda hat geschrieben:
es geht mir gut damit. nicht, dass es leicht fallen wuerde, langsam geht es ans eingemachte, das kann schon auch mal bitter sein.


was verunsichert dich, matilda?

oder verstehe ich jetzt etwas falsch...?

cu

sine

08 April 2007

von Matilda am 8.4..: (oster)eier

endlich, sine, da bist du ja wieder! hab dich echt vermisst... und du bist bei deiner mutter?! wie ist es denn dazu gekommen??!!
habe unwillkuerlich lachen muessen, als ich deinen verwunderten kommentar bzgl. meiner familien-ostereier las... aber lass mich erst die frage nach meiner therapie beantworten:
es geht mir gut damit. nicht, dass es leicht fallen wuerde, langsam geht es ans eingemachte, das kann schon auch mal bitter sein. trotzdem haben die gespraeche mit meinem therapeuten eine reinigende wirkung. ich bin in den vergangenen wochen ruhiger geworden. positiver. sonniger, sozusagen. ich lerne, die dinge anzupacken, dadurch verlieren sie ihren schrecken. ich lerne, endlich meine weibliche seite zu akzeptieren, die mir von tag zu tag sympathischer wird. und ich lerne, nur das aendern zu wollen, das ich aendern kann, und alles andere einfach so zu nehmen, wie es nun mal ist. letzteres gilt vor allem fuer meine mom. klar ist das nicht leicht. als ich vor zwei wochen ein paar tage zuhause war, weil es meinem paps nicht so grossartig ging und ich gerne bei ihm sein wollte, habe ich lange darueber nachgedacht, wie ich meine mutter gegenueber treten sollte. schliesslich habe ich mich fuer die offensive entschieden: als sie mich am bahnhof abholte, habe ich sie (trotz ihrer abneigung gegen zaertlichkeiten) ganz doll gedrueckt und ihr gesagt: "ich freue mich, dich zu sehen, du hast mir gefehlt". das war nicht mal gelogen, sie fehlt mir schon mein leben lang. das verblueffende war, ich habe sie offensichtlich vollkommen entwaffnet, und sie hat mich die ganzen tage lang vollkommen in ruhe gelassen. natuerlich kamen ihre kommentare dann doch noch, am telefon, aber da war ich schon wieder hunderte kilometer weit weg und sie erreichte mich nicht damit.
an ostern wollte ich eigentlich nur deshalb gerne nach hause, weil meine schwester auch da ist und ich sie dann bis zum sommer nicht mehr sehe.
jetzt bin ich aber bei mir zuhause, geniesse die stille in meiner wohnung (viele meiner nachbarn sind ueber ostern weggefahren) und erfreue mich an meinen freunden, an den menschen, die mir nahe gewesen sind in diesem harten winter, und an den herrlich warmen fruehlingstagen.
der winterschlaf ist vorbei.
nichts ist in den vergangenen monaten einfach gewesen. aber ich bin mir selbst um so vieles naeher gekommen, dass jetzt die neugier auf das, was noch kommt, groesser ist als die angst.
"wenn der damm bricht, kannst du nur schwimmen."
ich schwimme, immer noch ist kein ufer in sicht, aber meine woechentlich therapiestunde ist ein schlauchboot, an dem ich mich festhalten kann, um mich kurz auszuruhen, mein parsel soerwis ebenso, und meine freunde sind wie unerwartete, hoechst willkommene sandbaenke, die ich mit den zehenspitzen beruehre und die mir einen moment zum verschnaufen verschaffen.
verstehst du, was ich meine?
bestimmt.
feste umarmung von
matilda

22 Februar 2007

von Matilda am 22.2.: therapie

hi sine,

therapie ist trendy? sieh an. wusste ich gar nicht, ich dachte immer, nur in den staaten sei es mode, sich auf die couch zu legen... tja.

warum ich damit angefangen habe? weil ich alleine nicht mehr konnte. der druck war einfach zu gross geworden. eine sehr liebe freundin hat mir dann auf meine bitte hin einen therapeuten empfohlen, mit dem von allem anfang an das feeling stimmte.

zu deiner frage, welche ziele ich mit dieser therapie verfolge, könnte ich vermutlich eine kilometerlange antwort schreiben. zusammengefasst: ich habe schon mein ganzes leben lang das gefühl, als tochter vollkommen daneben zu sein, ich bin immer viel kritisiert worden von meinen eltern (vor allem von meiner mutter) und fühle mich immer schuldig, wenn ich mal wieder ihre erwartungen nicht erfülle. nie war ich gut genung, weder was ich tat, noch meine freunde, nichts war -und ist- jemals ok. ich bin dann weit weg von zuhause, aufgrund einer bewussten entscheidung, und ich bin sehr glücklich hier, es gelingt mir immer öfter, aus diesem muster der schuldgefühle und des gefühls der unzulänglichkeit auszubrechen. bis mein vater krank wurde, schien endlich alles gut zu gehen. nun aber ist die situation unerträglich. die dauernde forderung, nach hause zu kommen. das vorwurfsvolle schweigen, wenn ich nach einem besuch wieder wegfahre. die tränen am telefon. und die pausenlose kritik an meiner entscheidung, mein leben weiter leben zu wollen.

ich will einfach endlich lernen, mich nicht mehr verantwortlich zu fühlen für dinge, die ausserhalb meines einflussbereichs liegen, will endlich leben, ohne mich schuldig zu fühlen, weil es objektiv gesehen keinen grund dafür gibt, will es endlich schaffen, für mich selber einzustehen.

deshalb bin ich in therapie gegangen.

matilda


16 Dezember 2006

doc gibt entwarnung

hallo,

mein arzt hat gestern das belastungs-ekg gemacht mit mir und danach definitiv gesagt, dass mein herz DOCH in ordnung ist. ob ich schon immer so niedrigen blutdruck gehabt hätte?

es ist so, dass ich im wartezimmer lange warten musste, obwohl ich einen termin gehabt hatte. dort habe ich dann eine frauenzeitschrift - die "brigitte" - von a bis z durchgelesen. ich habe sie so gelesen, wie es meinem "magischen denken" *g* entspricht: ich habe mir gedacht, dass in der zeitschrift vielleicht nicht nur schrott drinsteht, sondern auch etwas, was mir hilft. ich habe versucht, daran zu glauben, dass ich automatisch auf das, was gut für mich ist, anspringen würde.

es gab einen langen artikel über das herzinfarktrisiko und die behandlung eines solchen infarkts bei frauen. die "brigitte" hat sich darüber aufgeregt, dass bei frauen der herzinfarkt - im gegensatz zu dem infarkt bei männern - meist nicht erkannt oder ernst genommen wird. das liege einerseits daran, dass man (!) bei frauen einen infarkt nicht so erwarten würde wie bei männern, denen dieses als "managerkrankheit" ja immer sofort zugeschrieben wird, wenn sie mal röcheln. andererseits liege es aber auch daran, dass im gegensatz zum infarkt bei männern der frauen-infarkt in mehr als 50% aller fälle andere (und leider nicht eindeutige) symptome hätte.

mir wurde natürlich immer schwummeriger, als ich das VOR meinem belastungs-ekg gelesen habe, da ich ja nun mit dem verdacht auf herzinfarkt in behandlung gewesen BIN. aber ich hab mich zusammengerissen und weiter darauf vertraut, dass dieses gelalle in der "brigitte" mir etwas bringt - und sei es nur den abschluss für meine versuche, mich mit diesem thema zu befassen.

nach allem gequengele, was die armen armen frauen doch für nachteile hätten, nach allem augengezwinkere, wie das ja dann TROTZDEM immer in diesen frauenzeitschriften sein muss anscheinend, auch bei einem extrem existentiellen thema, also nach all dem stand dann ganz am ende aber lustigerweise die von der "brigitte" eben noch angeprangerte these, dass bei frauen alles meist als "psychisch" abgetan wird, als fazit (!) drin: ja, einiges sei am ende aber dann doch vielleicht psychisch. und insbesondere herzstechen sei in den allerallermeisten fällen kein herzproblem, sondern könnte alles mögliche sein, im zweifel sogar gar nichts.

es kam dann noch eine theorie, dass das zwerchfell vielleicht sich ausgedehnt haben könnte und den herzmuskel einschränkt, aber fazit für das thema "herzschmerz" war dann im großen ganzen DOCH: ist nur psychisch. herzinfarkt geht anders.

so

ich also auf meinem trimmdich-fahrrad beim doc. bh? nö ist nicht. sitz da also und es ist genau so wie vor vier jahren: oben ohne und extrem-radeling.

ich hab mich nicht aufgeregt. erstens: mein jetziger doc ist mir bekannt und kein anonymer fremder typ, dazu ist er noch nett und übrigens hat er das ganze recht formal gestaltet, wofür ich ihm sehr dankbar bin. zweitens: mein gott. meine angst vor ärzten weicht langsam. das geht seit jahren so, dass ich nicht mehr hyperventiliere, weil ich mich ausziehen muss. dann muss ich mich halt ausziehen!

tja

auf dem fahrrad daher auch ein bissle small-talk: "stimmt es, was im wartezimmer in der frauenzeitschrift steht: dass herzschmerzen GAR NICHT das symptom für einen infarkt sind?" die gehilfin war allein im raum zum zeitpunkt der frage und meinte, dass es stimmen würde.

dann kam das ekg, und noch vor ort sagte anschließend der doc, dass mein herz top-in-ordnung sei.

ich habe schöne weihnachten gewünscht und versichert, dass ich nicht mehr vor weihnachten wiederkehren würde. außerdem habe ich mich bedankt für die hilfe und die mühe und gesagt, dass ich mich über das ergebnis sehr freue.

jetzt gehe ich mir eine art bodenunterlage besorgen. ich schieb jetzt alles auf das doofe schlafsofa, auf dem ich hier nächtige: da hab ich mir vielleicht - so das votum meines docs - meine brustgelenke verrenkt. so nicht! und außerdem kommt monsieur in 8 tagen. da möchte ich endlich mal nachts in seinen armen liegen!

*und weg zum shoppen*

gruß

sine